Gianmaria Sbetta (AWS) und Umberto Milano (Kellerhals Carrard) verbindet nicht nur die Faszination für Technologie und Startups sondern auch ihre italienischen Wurzeln. Mit ihrem gegründeten Netzwerk pizzatech wollen sie die Deep-Tech-Ökosysteme der Schweiz und von Italien stärken, indem sie den Austausch fördern und so Vorteile für Startups und Investoren beider Länder schaffen. Warum und wie sie das genau machen wollen, darüber sprechen sie im Doppelinterview.

Warum habt ihr euch zusammengetan, um pizzatech zu gründen?

Sbetta und Milano: Pizzatech ist ein informelles Netzwerk von italienischen Gründern, Investoren und anderen Führungskräften in der Schweiz. Es entstand aus unserer simplen Beobachtung, dass es viele italienische Gründer in der Schweiz gibt. Nimmt man den Top 100 Swiss Startup Award als Anhaltspunkt, so kann man sagen, dass fast jedes zehnte Schweizer Startup einen italienischen Unternehmer in seinem Gründungsteam hat. Die italienischen Gründerinnen und Gründer fallen aber nicht nur quantitativ auf, sondern auch qualitativ. Die CUTISS AG, von Daniela Marino, wurde in den letzten Jahren zweimal mit dem Podium des Top 100 Swiss Startup Award ausgezeichnet. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, ein Netzwerk zu schaffen, um den Austausch zwischen den Startup-Ökosystemen der beiden Länder – Italien und Schweiz – zu fördern.

Ihr habt die italienische und die Schweizer Startup-Szene an der von euch organisierten Italian Tech Night in Zürich vereint. Warum in Zürich und nicht zum Beispiel in Lugano?

Zürich und auch Lausanne sind allgemein die Hot-Spots der Schweizer Startup-Szene und folglich auch für die italienische Gründergemeinschaft in der Schweiz. Das liegt nicht nur an der grösseren Fläche, sondern vor allem an der Präsenz von Forschungszentren. Die ETH beispielsweise ist ein Magnet für viele Talente, unter anderem aus Italien, die sich dann entscheiden, ihre Unternehmen in der Schweiz zu gründen und so die Früchte ihres Studiums auf den Markt zu bringen. Unserer Erfahrung nach zieht Lugano viele Geschäftsleute aus Italien an, aber nicht viele Deep-Tech-orientierte Unternehmer.

Welche Verbindungen habt ihr zum Tessiner Startup-Ökosystem?

Aus den zuvor genannten Gründen und wegen unseres Standorts haben wir bisher noch kein Treffen im Tessin organisiert, aber wir heissen auch Tessiner Teilnehmer bei unseren Veranstaltungen willkommen. In naher Zukunft planen wir, auch im Tessin einen Event zu organisieren, hoffentlich mit der Unterstützung der wichtigsten lokalen Player.

Was ist mit Startups, die nicht aus dem Tech-Bereich kommen? Fallen sie aus dem Raster oder können auch sie von eurem Engagement profitieren?

Die gesamte Schweizer Startup-Szene ist sehr stark auf Deep-Tech ausgerichtet, und folglich auch die italienische Gründerszene in der Schweiz. Deep-Tech-Unternehmen haben spezielle Bedürfnisse, eine gemeinsame Marschrichtung und stehen oft vor ähnlichen Herausforderungen. Wir haben das Netzwerk mit Blick auf diese Unternehmen gegründet. Wir sind jedoch offen jeden Austausch ausserhalb von Deep-Tech, durch den sich die Startups gegenseitig befruchten.

Welche Synergien können die Schweiz und Italien erwarten, wenn die Startup-Ökosysteme der beiden Länder enger zusammenarbeiten?

Obwohl die Schweiz ein sehr kleines Land ist, haben die hiesigen Startups im Jahr 2021 3,1 Milliarden Schweizer Franken gesammelt und verfügen über die dritthöchste Risikokapitalfinanzierung pro Kopf in Europa seit 2015. Im Gegensatz dazu nahmen italienische Startups 2021 1,1 Milliarden Schweizer Franken ein, und die Startup-Dichte pro Million Einwohner ist dreimal niedriger. Diese Zahlen zeigen, dass Italien in Bezug auf Innovation, Technologietransfer und Risikokapital viel vom Schweizer Startup-Ökosystem lernen kann. Durch die Nähe von Mailand zu Zürich und Lausanne wollen wir stärkere Verbindungen zwischen den beiden Ökosystemen schaffen, indem wir unsere Aktivitäten auf grenzüberschreitende Geschäftstätigkeit ausrichten sowie Startups, Investoren und Lieferketten miteinander verbinden. Ausserdem blicken viele in der Schweiz ansässige Startups vor allem auf den DACH- und den französischen Markt und vergessen dabei oft, dass es im Süden einen Markt mit 60 Millionen Menschen und der viertgrössten Wirtschaft Europas gibt.

Glaubt ihr, dass die Schweiz für jedes Nachbarland eine grenzübergreifende Startup-Organisation braucht?

Unserer Meinung nach nicht, nein. Aber wir glauben, dass pizzatech auf verschiedene Weise zum Schweizer Startup-Ökosystem beitragen kann. Wir wollen nicht mit bestehenden Netzwerken und Initiativen konkurrieren, sondern einen Mehrwert schaffen, indem wir neue Kanäle und Märkte öffnen. Man bedenke, dass im Jahr 2021 86 Prozent der in Schweizer Startups investierten Gelder hauptsächlich aus Deutschland und den USA kamen. Italienische und Schweizer Investoren investieren heute nicht gemeinsam, aber mehrere italienische Unternehmen haben Schweizer Startups übernommen. Zum Beispiel Angelini Pharma hatte 2021 Arvelle Therapeutics für 960 Millionen USD erworben. Es gibt ein Interesse an Schweizer Innovationen, und wir wollen die Investitionen in sie fördern. Deshalb ist pizzatech unseres Erachtens auch ein so wichtiges Netzwerk: Es macht beide Ökosysteme stärker.