Andreas Brülhart von der Mobiliar erzählt uns im Interview, warum Innovation wichtig ist und welche Startups ihn beeindrucken.


Herr Brülhart, Sie sind Head of Ecosystem & Innovation bei der Mobiliar, was beinhaltet diese Position genau?

Als Leiter des Bereichs Ökosysteme & Innovation überwache ich den Innovationsprozess und die Weiterentwicklung unserer beiden priorisierten Ökosysteme rund ums Wohnen sowie Dienstleistungen für KMU. Unser Team besteht aus über 20 Mitarbeitenden. Wir erkennen und beobachten Trends, screenen Start-ups und stellen Innovationsformate für die ganze Mobiliar zur Verfügung, z.B. Design-Thinking- und Lean Start-up-Workshops. Unsere Kernaktivität ist jedoch neue Geschäftsopportunitäten zu identifizieren und auszutesten. Diese orientieren sich thematisch an den definierten Ökosystemen.

Andreas Bühlhart ist Leiter des Bereichs Ökosysteme & Innovation bei der Mobiliar. (Foto: die Mobiliar)

Inwiefern ist Innovation wichtig für die Mobiliar?

Die Welt um uns herum verändert sich rasant – und damit auch das Verhalten und die Erwartungen unserer Kundinnen und Kunden. Ohne aktives Gegensteuern riskieren Versicherungen, den direkten Kundenkontakt zu verlieren. Nur dank eigener Innovation und Investitionen in die Gestaltung der eigenen Zukunft können wir an dieser Kundenschnittstelle bleiben. Das ist entscheidend, weil wir unseren Kundinnen und Kunden mit neuen, innovativen Services zusätzliche Mehrwerte bieten wollen – auch über die Branchengrenzen hinaus.

Und wo legt die Mobiliar ihre Schwerpunkte bezüglich Innovation?

Erstens auf sämtliche Themen, die zur Erneuerung des Kerngeschäftes beitragen, also zum Beispiel neue Produkte oder neue digitale Formen der Kundeninteraktion. Und zweitens orientieren sich unsere Innovationsvorhaben an den beiden Ökosystemen «Mieten, Kaufen, Wohnen» und «Dienstleistungen für KMU». In diesen Themenfeldern sind wir heute stark. Wir wollen also unsere Stärken stärken und künftig eine noch zentralere Rolle einnehmen. So bleiben wir an der Kundenschnittstelle, diversifizieren unsere Erträge und stützen unser nach wie vor angestrebtes, profitables Übermarktwachstum breiter ab.

Wie sieht das Versicherungsgeschäft in 20 und 50 Jahren aus?

50 Jahre? Diese Kristallkugel hätte ich gerne… Selbst 20 Jahre sind unmöglich vorauszusagen. Ein Blick 20 Jahre zurück zeigt auf, wie viel sich in zwei Dekaden verändern kann. Nokia 3210 war das meistverkaufte Handy, Windows 2000 wurde lanciert und Musik hat man, wenn überhaupt online, dann über Napster konsumiert. Kennen Sie diese Musiktauschbörse noch? Trends, die heute in aller Munde sind, werden 2040 ihr Potential entfacht haben: künstliche Intelligenz, Blockchain oder datengesteuerte Entscheidungsfindung. Darüber hinaus wird die Kernleistung der Versicherung immer stärker mit anderen Dienstleistungen und Produkten verschmelzen – Stichwort Business-Ökosystem. Die Kunden haben zum Beispiel das Bedürfnis, ein Haus zu Kaufen oder ihr Unternehmen ohne unnötigen Papierkram zu erledigen. Die Frage nach den Versicherungen kommt darum immer erst später und steht nie am Anfang eines Kundenbedürfnisses.

Die Mobiliar Direktion in Bern. (Foto: die Mobiliar)

Investieren Unternehmen heutzutage genug in Innovation?

Nein. Im Schnitt wird zu wenig in die Zukunftsfähigkeit investiert und vor allem zu wenig konsequent. Jedes Unternehmen muss aber für sich entscheiden, welche Innovationsdosis es braucht und vor allem in welcher Form. Ist der Hebel bei der Kultur anzusetzen oder in der Ablösung alter Produkte? Die Anforderungen an die Innovationstätigkeiten sind komplett unterschiedlich.

Die Mobiliar ist nicht nur selber innovativ tätig, sondern ist auch Partner von Events, welche Innovation fördern, wie beispielsweise der Startup Night Winterthur. Warum ist dies für die Mobiliar wichtig?

Zum einen um Ideen aus dem Start-up-Umfeld aufzunehmen und im besten Fall in gemeinsamer Arbeit weiterzuentwickeln – eine klassischen Win-Win-Situation. Zum anderen auch aus Positionierungsüberlegungen, sei es gegenüber unseren Kunden oder potentiellen Mitarbeitern.

Als Teil Ihrer Position bei der Mobiliar beobachten Sie die Startup-Szene. Welches Startup ist Ihrer Meinung nach zurzeit interessant und warum?

Es gibt in der Schweiz und auch im angrenzenden Ausland viele spannende Jungunternehmen, ein einzelnes möchte ich gar nicht hervorheben. Für unsere Strategie sind Proptechs relevant oder Jungunternehmen, die sich KMU als Zielgruppe ausgesucht haben.

Sie haben im 2011 selbst ein Startup gegründet, Bcomp. Wie haben Sie diese Zeit mit einem eigenen Startup erlebt?

Eine sehr intensive und lehrreiche Zeit. In wenigen Monaten passiert sehr viel, von einer wagen Idee über die Gründung eines Unternehmens, den ersten Prototypen bis zur Seed-Finanzierung. Entsprechend steil war die Lernkurve. Ich kann mich erinnern, dass wir unseren Pitch sicherlich 40 Förderagenturen und Investoren vorgetragen und jedes Mal etwas gelernt haben. So wurde unsere Botschaft immer präziser. Ich habe auch gelernt, dass man als Start-up-Unternehmer zwar im Sprint-Tempo unterwegs ist, aber trotzdem einen Marathon läuft.

Wie hilft Ihnen diese Erfahrung in Ihrer heutigen Position?

Die oben erwähnten, erworbenen Skills helfen mir auch im Corporate-Kontext. Auch mein geschärftes Gespür für die Funktionsweise von Unternehmerteams und Investoren hilft mir in meiner heutigen Funktion.

Bei welchem Startup hätten sie gerne von Anfang an mitgearbeitet und den Prozess miterlebt?

Einen Case, den ich schon früh auf dem Radar hatte war das ETH-Spin-off Sensirion. Wie sie in 20 Jahren von der Gründung bis zum Börsengang gekommen sind, finde ich einmalig. So etwas von innen zu erfahren ist als Erfahrung sicherlich unschlagbar.

In der Ecosystem & Innovation Abteilung der Mobiliar werden Trends erkannt und beobachtet, Start-ups gescreent und Innovationsformate für die ganze Mobiliar zur Verfügung gestellt. (Foto: die Mobiliar)

Inwiefern hat sich die Schweizer Startup-Szene verändert, seit Sie gegründet haben?

Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer sind erst seit wenigen Jahren als relevanter Faktor für den Strukturwandel und fürs Schaffen von Arbeitsplätzen auf der Agenda. Entsprechend haben sich Ausbildungs-, Coaching- oder Finanzierungsmöglichkeiten in Quantität und Qualität sehr stark entwickelt. Gleichzeitig war es noch nie so einfach und günstig unternehmerisch aktiv zu werden – Digitalisierung sei Dank! Tolle Zeiten, um mit der eigenen Idee den Start zu wagen!

Nach Bcomp arbeiteten Sie an einer Hochschule und nun bei einem Schweizer Grosskonzern. Wie nehmen Sie diesen Kontrast war?

Der rote Faden war immer Innovation und Entrepreneurship – zusätzlich auch mal als Berater. Genau darin liegt für mich die Herausforderung: Wie kann ich helfen, Geschäftsopportunitäten zu identifizieren und umzusetzen? Die Antworten sind gar nicht so unterschiedlich – sei es bei der Arbeit mit potenziellen Jungunternehmern oder in einem fast 200-jährigen Grossunternehmen.

Sie arbeiten seit über 5 Jahren für die Mobiliar. Können Sie ein (oder zwei) persönliches Highlight(s) innerhalb dieser Tätigkeit hervorheben?

Ich durfte in dieser Zeit Teil von vielen spannenden Projekten und Vorhaben sein. Dabei habe ich zahlreiche faszinierende Persönlichkeiten und Unternehmen getroffen. Dafür bin ich super dankbar! Wenn ich ein Highlight hervorheben muss, ist es die Akquisition von und die Zusammenarbeit mit bexio – eine Perle unter Schweizer Jungunternehmen.