Futurae entwickelte sich vom ETH-Spin-Off zu einer erfolgreichen Schweizer Cyber-Security-Firma. CEO Sandra Tobler über Cyber-Gefahren, die Chancen der Schweizer Technologiefirmen und was sich in der Schweiz für Startups verbessern muss.

Welche Erkenntnis war ausschlaggebend für die Gründungsidee von Futurae?

IT-Sicherheit und Datenschutz haben mich schon länger interessiert. Es gibt viel Aufholpotenzial, denn Sicherheit und Datenschutz werden noch zu oft als reines Compliance-Thema behandelt; es also nur darum geht, die gesetzlichen Bestimmungen zu erfüllen. Meine Mitgründer Dr. Claudio Marforio, Dr. Nikos Karapanos und ich teilen die Vision, dass IT-Sicherheit zeitgemäss werden muss, indem Inklusion und Einfachheit für Nutzer im Zentrum steht.

Welche Gefahren und Probleme seht ihr im digitalen Raum?

Es sind oft die auf den ersten Blick kleinen Dinge. Wir nutzen einfache Passwörter oder dieselben Passwörter für viele verschiedene Onlinedienstleistungen. Mit der fortschreitenden Digitalisierung werden immer mehr und vor allem mehr für Kriminelle kommerziell spannende Daten erhoben oder digital abgewickelt. Nutzernamen und Passwörter alleine genügen heute nicht mehr, um Finanz-, Gesundheits- oder sonstige sensible Daten adäquat zu schützen. Mit diesen Daten können Hacker viel Geld verdienen. Ausserdem verändern sich aktuelle Gefahrenmodelle unheimlich schnell, da Kriminelle ihre Methoden schnell anpassen. Entsprechend schnell und agil muss sich auch die IT-Sicherheit anpassen.

Was sollten deiner Meinung nach Bevölkerung und Politik über Startups wissen?

Es ist oft ein grosses Problem für Schweizer Technologiefirmen, einen Heimmarkt zu finden. Nicht nur weil der Schweizer Markt klein ist, sondern weil hier die Offenheit für neue Dinge fehlt. Grossfirmen in der Schweiz möchten erst andere Kunden sehen, bevor sie eine Zusammenarbeit erwägen. Leider gehen Schweizer Grossfirmen auch oft ins Ausland, um neue Technologien zu «scouten», statt spannenden lokalen Firmen eine Chance zu geben. So bleibt vielen guten Jungunternehmen keine Alternative, als ins Ausland zu gehen, wo die Wertschöpfung dann halt auch bleiben wird. Nicht fehlendes Venture Capital ist das Problem, sondern mangelnder Mut der digitalen Elite, mit jungen Technologiefirmen ernsthaft über die Innovationslabs hinaus zusammenzuarbeiten.

Was kann die innovative Schweiz sonst noch tun, um sich die Innovation im Inland besser zu Nutze zu machen?

In anderen Ländern ist man viel stolzer auf seine Universitäten und die Innovationen, die daraus entstehen. Dort wartet man geradezu auf die Talente, die aus Universitäten heraus Firmen gründen, damit man früh Kunde sein kann, Produkte und Dienstleistungen ausprobieren und die Produktentwicklung mitgestalten darf. Da verpasst die «innovative Schweiz» so einige Chancen. Dabei würde von der Ausgangslage her in der Schweiz vieles stimmen: Wir haben viele weltweit führende Forscher, Investoren, Kapital und einige der weltbesten Universitäten. Wir müssen uns als Gesellschaft bewusst sein, dass bereits heute über 50’000 Arbeitsplätze von Schweizer Startups kreiert werden, deren Stimmen auf dem politischen Parkett leider noch kein grosses Gewicht haben. Dabei schaffen diese Arbeitsplätze für die lokale Wertschöpfung und für die Zukunft der Schweiz.

Womit kann dem Schweizer Jungunternehmertum konkret geholfen werden?

Effizientere und pragmatischere Unterstützung. Ich würde gerne mal Entscheider aus der Finanzindustrie, dem Gesundheitswesen oder Versicherungen sehen, die Pitchen, warum unsere Top-Technologiefirmen mit ihren Organisationen zusammenarbeiten sollten. Vielleicht würden dann die leidigen Pitch-Events aufhören, wo Firmen für Unterhaltungszwecke vorgeführt werden, ohne, dass für sie etwas daraus entsteht. Wir brauchen Erfolgsgeschichten in der Schweiz, aber auch ehrliche Geschichten zu Unternehmertum, was funktioniert hat, was nicht. Es braucht Rollenmodelle, aber auch Verständnis, was es bedeutet, Jungunternehmer oder Jungunternehmerin zu sein. Es braucht potentielle Kunden, die ehrliches, schnelles Feedback geben, aber auch Personen, die mal hier oder dort eine Türe öffnen und ein gutes Wort einlegen. Wir müssen zeigen, dass in der Schweiz tolle Produkte und Dienstleistungen entwickelt werden, aber auch, dass es möglich ist, eine Firma aus der Schweiz heraus erfolgreich international aufzubauen.

Was ist dein Top-Tipp für interessierte Gründerinnen und Gründer in der Tech-Branche?

Gründet aus den richtigen Beweggründen und in einem Bereich, der euch langfristig begeistert. Die Begeisterung für das Lösen eines Problems hilft in schwierigen Zeiten und bei den täglichen Herausforderungen, trotz all dem Gegenwind weiterzumachen. Und baut euch von Anfang an ein gutes Umfeld aus anderen Unternehmern und Mentoren auf, die in ähnlichen Situationen sind oder waren. Es ist enorm hilfreich, von anderen zu lernen und sich in schwierigen Lagen gegenseitig zu unterstützen. Denn oftmals ist es für Freunde und Familie nicht nachvollziehbar, was man in einem «Unternehmer-Dasein» durchmacht.

Dieses Interview ist als Erstpublikation im Startup Magazin 2021 erschienen.