Die definitive Entscheidung, Jurata zu gründen, fiel mit einem Bungee-Sprung von der Verzasca Staumauer. Denn für das Gründerteam stand dieser Sprung sinnbildlich für den Sprung ins Ungewisse: Ihr Startup-Abenteuer. Luca Fábián, Mitgründer von Jurata, erzählt uns aber nicht nur von den Anfängen, sondern auch von ihren Zukunftsplänen und davon, wann die Option ein Startup zu gründen bei ihm auf den Radar geriet.

Wie seid ihr auf die Idee hinter Jurata gekommen?

Wir waren und sind nach wie vor der Meinung, dass die Rechtsbranche bei der Digitalisierung stark hinterherhinkt. Wer eine Rechtsdienstleistung in Anspruch nehmen möchte, findet im Web keine transparenten Angaben zu konkreten Dienstleistungen und es ist nicht einfach, den Überblick zu bekommen – auch über die zu erwartenden Kosten. Das wollen wir mit Jurata ändern.

Ihr seid im Bereich der Digitalisierung und habt im Coronajahr 2020 gegründet. Ist das Zufall?

Jein. David und Simon hatten bereits vor Corona privat an der Idee gearbeitet und waren in der Prototyping-Phase. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich die beiden noch gar nicht. Etwa zeitgleich habe ich damals auf dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle mit befreundeten Juristen eine pro bono Online-Rechtsberatung ins Leben gerufen. In wenigen Monaten hatten wir 100 Freiwillige mit Jus-Hintergrund, die rechtsuchenden Personen halfen, die in der Covid-Krise in rechtliche Schwierigkeiten gerieten. Das war für mich persönlich eine super Möglichkeit, Gutes zu tun und gleichzeitig zu lernen, wie man eine Organisation führt. Ausserdem konnte ich damit auch validieren, dass Online-Rechtsberatung auf eine enorme Nachfrage stösst. Aufgrund dieses Projekts wurden David und Simon auf mich aufmerksam. Wir haben uns dann innert kürzester Zeit im Sommer 2020 mehrmals getroffen, unsere Visionen abgeglichen und realisiert, dass wir sehr ähnliche Vorstellungen haben. Dies hat schliesslich im Bungee-Jump und der Entscheidung gemündet, gemeinsam Jurata zu gründen.

Was ist eure Vision?

Unser Claim sagt alles: «Acces to legal services with just one click». Unsere Ambition ist es, Rechtsdienstleistungen leichter zugänglich zu machen – für alle. Einerseits durch das Zusammenbringen von Rechtssuchenden und passenden Rechtanwälten. Andererseits aber auch durch das Standardisieren und Automatisieren von einfacheren Rechtsdienstleistungen. Denn so können die Preise für 0815-Dienstleistungen gesenkt werden, während weiterhin hohe Qualität gewährleistet werden kann.

Jurata Screenshot von Website
Auf der Rechtsplattform von Jurata finden Rechtsanwälte und Rechtssuchende zusammen.

Wie reagieren Rechtsanwälte auf eure Plattform?

Eins vorweg: Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zu Rechtsanwälten. Es muss eine Zusammenarbeit mit ihnen sein, die für alle Involvierten fruchtbar ist. Schliesslich ist ein grosser Teil von dem, was wir heute bereits anbieten und auch in Zukunft anbieten werden, abhängig von der Mitwirkung von Anwälten. Trotzdem haben wir uns zu Beginn tatsächlich viele Gedanken dazu gemacht, wie unsere Idee bei Rechtsanwälten ankommen könnte. Bis jetzt sind wir positiv überrascht. Insbesondere junge aber auch etablierte Rechtsanwälte zeigen sich aufgeschlossen und interessiert. Anwälte, die Jurata erfolgreich nutzen, wollen sogar in unser Startup investieren und haben Lust, die Plattform mitzugestalten. Somit dürfen wir bisher hauptsächlich positives Feedback verzeichnen.

Wo steht ihr aktuell?

Gerade haben wir die Pre-Seed-Runde abgeschlossen. Das war ein grosser Meilenstein. Ausserdem ist unsere Matching-Plattform schon sehr weit. Pro Monat bringen wir in mehreren hundert Fällen Rechtsuchende mit passenden Anwälten zusammen und bereits jeder zehnte Schweizer Anwalt ist auf unserer Plattform registriert. Der andere Teil, an dem wir arbeiten, ist die Automatisierung von einfachen Rechtslösungen. Da sind wir seit dem Herbst 2021 parallel am Experimentieren und konnten bereits verschiedene Legal Products wie unsere Gründungs- und Markeneintragungspakete zum Fixpreis erfolgreich lancieren. Schliesslich werden wir die automatisierten Produkte und den Pool an Rechtsanwälten stimmig zusammenbringen.

Und wo steht ihr in fünf Jahren?

Wir haben die europäische Expansion als Ziel. In fünf Jahren möchten wir in sechs bis acht europäischen Ländern präsent sein. Die Schweiz ist und bleibt aber ein interessanter Markt.  Hier ist es auch sehr anspruchsvoll, wenn wir es in der Schweiz schaffen, sind wir der Überzeugung, dass wir es überall anders auch schaffen können.

Was waren bisher die grössten Herausforderungen beim Aufbau von Jurata?

Wie bei allen zweiseitigen Marktplätzen haben auch wir die Herausforderung, beide Seiten so gut wie möglich zu verstehen und abzuholen. Das sind bei uns auf der einen Seite Rechtsanwälte und auf der anderen Seite Rechtssuchende, wo wir neben Privatpersonen seit diesem Jahr verstärkt auch Geschäftskunden ansprechen. Diese Situation macht es auch nicht einfach in einem kleinen Team den Schwerpunkt zu setzen, schliesslich sind beide Seiten wichtig, denn sonst funktioniert die Plattform nicht.

Was sind die grössten bzw. wichtigsten Erfolge beim Aufbau von Jurata?

Auf der Zahlenseite ist die hohe Akzeptanz unseres Modells bei den Anwälten etwas, womit wir sehr zufrieden sind. 1’200 Anwälte sind bereits auf der Plattform als Rechtsanbieter und monatlich haben wir mehrere hundert Mandatsanfragen, was uns erfreuliche Geschäftszahlen bringt. Abgesehen von den numerischen Erfolgen bin ich sehr dankbar, dass das Team so gut funktioniert. Wir halten zusammen, auch in anspruchsvollen Situationen, und unsere Fähigkeiten sind sehr komplementär.

Welchen Tipp möchtest du anderen Gründer:innen mit auf den Weg geben?

Ich empfehle jedem, früh an den Markt zu gehen und Feedback einzuholen. Damit einher geht auch mein zweiter Tipp: Arbeite datengetrieben und miss möglichst viel. Zusammen mit dem ersten Tipp ergibt dies also: Build, measure, learn – das bekannte Mantra aus «The Lean Startup» von Eric Ries.

Was muss aus eurer Erfahrung im Startup-Ökosystem der Schweiz noch besser werden?

Ich finde, das Startup-Ökosystem in der Schweiz ist gut aufgestellt und wird immer besser. Initiativen wie jene von Swisspreneur finde ich sehr wertvoll. Ich glaube, ohne den Swisspreneur-Podcast hätte ich wahrscheinlich kein Startup mitgegründet, weil ich diese Option als klassisch ausgebildeter Jurist gar nicht auf dem Radar hatte.

Zwei Aspekte könnten aber besser sein: Erstens bräuchte es mehr Early Stage VCs in der Schweiz, die wirklich früh einsteigen können. Auch diesbezüglich ist aber bereits einiges im Gange, wie bspw. die Schaffung des neuen Swisspreneur Syndicate, das eine ähnliche Funktion wie ein Early Stage VC erfüllt und zu unserer Freude auch bei Jurata investiert hat. Zweitens sollte die Risikobereitschaft von Gründern durch die Gesellschaft mehr anerkannt werden. Risikofreude und mögliches Scheitern ist in der Schweiz immer noch zu sehr verpönt.